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Miszellen Allerlei Wissenswertes und anderes aus den Bereichen Germanistik, Literatur, Philosophie, Technik, Kunst… von Valentin Abgottspon, Staldenried, Schweiz

10Jan/116

Anonymer Brief voller christlicher Nächstenliebe

Dieser anonyme Brief wurde von mir am 8. Januar 2011 aus dem Freidenker-Postfach in Stalden geholt. Adressiert war er an

Herr
Valentin Abgottspon
Ex Oberstufen Lehrer
CH-3922 Stalden (VS)

Er wurde abgestempelt in Zürich-Mülligen.

Der Nicht-Freidenker (gemäss Selbstbezeichnung) bezieht sich auf das im Landbote erschienene Interview und hat meiner Meinung nach die Fernsehsendung "Club" des Schweizer Fernsehens nicht gesehen.

Auf Facebook entwickelte sich eine rege Diskussion zu dieser Art von Rückmeldung (d.h. es wurden viele Kommentare hinterlassen). Ich spreche einige dieser Dinge weiter unten an und kommentiere.

Anfangs Januar 2011

Salü Valentin Abgottspon,

Wissen sie auch dass, sie ein Namen tragen welcher ein Heiliger war. Wir wehren uns sehr dass sie gegen Kruzifixe sind. Wie kann ein Mensch gegen den Schöpfer sein wie sie .Wir werden schauen dass, sie keinen Zugang zu Lernenden haben werden.

Das ist ein Gesetz denn im Christlichen Kanton Wallis ist das Kreutz mal eine Ehre und nicht für diese Gottlosen Bande der Freidenker . Was heisst bei ihnen Toleranz? Als Lehrer sind sie nicht geduldet in einem Schulraum Unterricht zu erteilen. Das ist kein Platz für Hunde und Viecher wie sie einer sind. Gehen sie doch nach Brüxell vielleicht können diese Vötzel ihnen helfen. Aber die EU sind doch alles Gottlose Bastarde wie sie.

Die Freidenker Zunft ist eine Gottlose Bande in Winterthur Zuhause. Ihre Freidenker Ideen sind ja seit Christus geboren wurde ungültig. Da sie nicht einmal Wissen dass es ein Schöpfer gibt sollten sie überhaupt nicht vor einer Schulklasse treten dürfen.

Was machen sie wenn bei ihrem Ableben vor dem ewigen Richter stehen müssen? Ja,warum müssen sie eigentlich Sterben? Der grosse Artikel in der Zeitung war ein Hohn und die Redaktion dürfte einen solchen gar nicht publizieren. Aber in diesen Protestantischen Kanton ist alles erlaub t auch Intoleranz.

Die Stärke der kath. Kirche hat doch etwas in sich. Es ist immer noch Zeit zur Umkehr. Aber warten sie nicht zu, denn Morgen kann es schon zu spät sein.

Wie haben sie überhaupt diese Lehrer Stelle erhalten? Sie müssen es ja verschwiegen haben also Unglaube. Ich habe zwar Erbarmen mit ihnen und sehe schwarz für ihre Zukunft,es hängt von ihnen ab.

Grüsse

Ein nicht Freidenker

Anonym_08_01_2011_ZürichMülligen

PDF-Datei des Briefes.

Kommentar/Bememerkungen:

Ich veröfftentliche solche Briefe nicht etwa, um damit eine Behauptung à la "Seht her, so sind alle/die meisten Christen!" aufzustellen. Solche Briefe vermögen jedoch die tendenziell und potenziell vorhandene Intoleranz von Christen zu belegen.

Ich begegne dann immer wieder dem Einwand: "Aber das sind doch keine 'richtigen Christen', welche dir solche Sachen zusenden!" Auf diesen Einwand kann ich wie folgt eingehen:

Es handelt sich dabei um die "Kein wahrer Schotte"-Verteidigung bzw. das "Kein wahrer Schotte"-Problem. Siehe dazu den Wikipedia-Artikel in deutscher Sprache oder den RationalWiki-Artikel in englischer Sprache.

Man kann das Problem etwa folgendermassen verkürzt darstellen: Da es keine von allen Seiten gleichermassen akzeptierte Definition von 'Christ' gibt, kann z.B. die christliche Seite apologetisch behaupten, dass es sich bei Leuten, welche solche Dinge äussern, nicht um 'wahre, echte Christen' handele, weil sie z.B. (von ihnen als solche wahrgenommene) Grundsätze des Christseins wie etwa Toleranz, Freundlichkeit, Nächstenliebe undsoweiter vermissen lassen. Diesen Personen würden Zufriedenheit und Halt fehlen, aus ihnen spreche Selbsthass (das hat eine Christin auf Facebook so geäussert).

[Hier ein Nebengedanke: Falls diese Person sich selbst hasst, befolgt sie ja das (auch) christliche Gebot des "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." aufs Genaueste. Sie liebt sich selbst nicht, also auch mich nicht.]

Die Gegenseite (z.B. Atheisten oder Kirchen- und Religionskritiker) können dem entgegenhalten (und eben AUCH mit Bibelstellen belegen), dass gerade auch solche Handlungen und Haltungen der Verabscheuung, Beleidigung, Intoleranz aus dem Glaubenssystem des Christentums folgen oder zumindest folgen können.

Die jeweiligen Seiten definieren den Begriff also unterschiedlich, ich persönlich halte den Begriff von 'Christ', der nur die positiven Dinge als wahrlich, genuin, authentisch christlich verbucht für unaufrichtig und rosinenpickerisch. Sämtiche schwarze Schafe werden als nicht wirklich christlich betrachtet, selbst wenn die schwarzen Schafe die Mehrheit wären/sind.

Man könnte vielleicht mit einigem Recht behaupten, dass kein wahrer Christ daran glaubt, dass Mohammed der wahre Prophet Gottes ist, oder dass kein wahrer Christ Satan in schwarzen Messen anbetet. Aber die Behauptung, dass kein Christ intolerant sein könne oder auf Religionslose herabzuschauen vermöge, diese Behauptung halte ich für vermessen und falsch. Dann verkennt man schlicht die Geschichte des Christentums und würde das, was gemeinhin als Christentum bezeichnet ist einfach umdefinieren als 'dann eben doch nicht wirklich christlich'.

Es ist mir also ein Anliegen, dass die lauwarmen Taufscheinchristen, welche nicht müde werden zu behaupten, dass (alle?) Christen heute ausgesprochen liberal seien (verkappte Humanisten sozusagen...), erfahren, wer sich eben auch als Christ versteht, wer eben AUCH im Fahrwasser ihrer Religion mitpaddelt.

Auch die Frage, ob man solcherlei Schmutz nicht einfach ignorieren sollte, beantworte ich (für mich) mit oben formulierten Erwägungen. Natürlich nehme ich mir die Anwürfe nicht wirklich zu Herzen. Ich wurde auch gefragt, wie man auf solcherlei Zeug und solche Leute reagieren soll und gebe stets und immer wieder die selbe Antwort: Mit Bedacht, Geduld, etwas Nachsicht und viel Vernunft. Bestimmt und firm. Und auch gegenüber jenen, welchen auch mit Vernunft nicht beizukommen ist, tritt man vernünftig auf. Das ist man übrigens der Vernunft schuldig, nicht den Unvernünftigen.

veröffentlicht unter: Freidenker, Korrespondenz Kommentar schreiben
Kommentare (6) Trackbacks (0)
  1. Aufschlussreich, dass die Mehrheit der Schmähbriefschreiber keinen Zugang zu guten Lehrern wie Dir gehabt hat, sonst hätten sie nicht so eine grauslige Orthographie und würden der Propaganda der Kirchen nicht so schafsmässig aufsitzen.

    Mir wird übel, wenn ich Gläubige höre, welche die zunehmende Säkularisierung bejammern. Die wollen zurück in Zeiten, die ausserhalb des Wallis und der Innerschweiz in der CH längst passé sind:

    – als Homosexuelle ausgegrenzt wurden, während Kindsmissbräuche durch kath. “Würdenträger” von der RKK erfolgreich vertuscht wurden (wieso kommen im VS viel weniger Kindsmissbräuche ans Licht? Sind hier die meisten Priester asexuell???)
    – als eine interkonfessionelle Beziehung noch ein Problem war, ganz zu schweigen von einer Beziehung mit einem/r Nicht-Christen/-in
    – als Glaubensfreiheit (und eigentlich die gesamte Ethik) nur für und gegenüber Christen galt (drum heisst’s ja auch “Nächstenliebe”, und nicht “Mitmenschlichkeit”!)
    – als Frauen Heimchen am Herd waren und intelligente, gebildete Frauen nur eine Chance auf einen Partner hatten, wenn sie schön und sexy (ergo: doof!) waren
    – als Rassismus und Antisemitismus salonfähig waren
    – als Glaubenskritiker erfolgreich ausgegrenzt werden konnten
    – als Intellektuelle und Gebildete schief angesehen und ausgegrenzt wurden
    – als der Staat nicht mal den Anschein erwecken musste, religiös neutral zu sein, und in allen Schulzimmern Skulpturen eines Folteropfers namens Jesus aufstellen durfte.

    Das sind die Visionen der reaktionären Gläubigen, und das ist die Realität im Wallis. Wer nicht in einer solchen Gesellschaft leben will, ziehe vom Wallis weg oder, besser, arbeite auf eine tolerante Gesellschaft hin, wo die Weltanschauung Privatsache und Respekt vor Andersdenkenden und Frauen eine Selbstverständlichkeit ist.

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  2. Macht weiter so. Bin sehr stolz auf Euch, ihr nehmt mir damit sehr viel Arbeit ab!
    Wir sehen uns (hoffentlich bald schon bei mir in der Hölle)

    Gruss

    Satan

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  3. Lieber Valentin,

    einerseits will ich Dir aus ganzem Herzen zustimmen – andererseits aber auch darauf hinweisen, dass der Prozess natürlich umgekehrt auch stattfindet: Auch Antitheisten beteuern gerne, dass z.B. der religionsfeindliche Stalinismus nichts mit ihrer Einstellung zu tun hatte, dass der in der DDR-Verfassung genannte “Humanismus” der DDR nicht der “wirkliche” Humanismus war usw. Und wenn, wie in Deutschland geschehen, auch mehr und mehr Kindesmissbrauch in “freidenkerischen” Reformschulen u.ä. entdeckt und aufgearbeitet wird, so wirst Du Dich mit Recht dagegen verwehren, mit solchen Verbrechen identifiziert zu werden.

    Ich würde Dir also Recht geben, dass es keine allgemeine, externe Definition von “Christ” geben kann – aber ebensowenig von “Humanist” oder “Freidenker”. Vielmehr sollten wir m.E. den Menschen zugestehen, dass sie diese Definitionen für sich definieren und sich dabei auch von Aspekten abgrenzen, die ihnen nicht zusagen. Dazu gehört dann aber m.E. auch die Verantwortung, nicht nur das Erfreuliche der jeweils eigenen Tradition zu beanspruchen, sondern sich auch dem Finsteren zu stellen. Christen, die über Stalins und Pol Pots “atheistische” Massenmorde sprechen, aber die Kreuzzüge oder den 30jährigen Krieg einfach abtun wirken auf mich daher ebenso wenig überzeugend wie Antitheisten, die Wissenschaft und Aufklärung für sich beanspruchen, ohne das historisch wiederholt grausame Scheitern gerade auch atheistisch-utopischer Weltanschauungen zu reflektieren.

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  4. Lieber Michael,

    hirnlichen Dank für deinen Kommentar. Ich bin mit dir sehr d’accord. Wer bei “Atheismus” rosinenpickt ist auch ein Rosinenpicker.

    Ich habe mir mal anlässlich des Begriffes «katholisch» (der für mich schon fast unbenutzbar geworden ist) ein paar Gedanken gemacht: http://www.news.ch/Ist+der+Papst+eigentlich+katholisch+Oder+Abt+Martin+Werlen+Oder+sonst+wer/575900/detail.htm

    Zurück zum Thema hier: Es war Christopher Hitchens, der in irgendeiner Diskussion einmal in etwa Folgendes erwidert hatte auf den üblichen Pol Pot/Stalin-(ja sogar Hitler!)-Anwurf:

    «Was meinen wir mit Humanismus, Atheismus, Trennung von Kirche und Staat, säkularer Ethik… Was meinen Sie damit, wenn Sie diese angesprochenen Verbrechen ‘einfach so’ dem Atheismus zurechnen? Worüber ich spreche ist etwas anderes. In jenem Moment, wenn ein Staatswesen oder eine Gesellschaftsform, welches sein Handeln und seine Fundamente auf die Lehren und Ideen von Hume, Voltaire… aufgebaut hat, welches eine freiheitliche Demokratie mit Menschenrechten ist… [Du kannst dir wohl vorstellen, wie er das in etwa erklärt hat?] In jenem Moment, wenn ein solches Staatswesen zu den Gräueltaten geführt hat wie die angesprochenen unfreiheitlichen und teilweise pseudo-religiösen (und pseudo-areligiösen) Regime, in JENEM Moment werde ich zugestehen: Ich habe mich geirrt.»

    Oder so ähnlich. Das ist zwar auch milde Rosinenpickerei, ich finde sie jedoch erträglich(er). Es ist in Ordnung, sich abzuheben von Gewesenem. Sonst müssten wir ja JEDEM Katholik Ethik und Moral gänzlich absprechen. Und das tue ich nicht.

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  5. Lieber Valentin,

    vielen Dank für den Kommentar und Tweet-Hinweis. Und ja, da gehe ich mit. Michael Schmidt-Salomon hat ja mal ziemlich mutig angemerkt, dass es nicht nur eine “Kriminalgeschichte des Christentums”, sondern eben auch eine “Kriminalgeschichte des Atheismus” gebe, der man sich stellen solle. Hitchens hätte ich z.B. konkret mit dem Hinweis auf die französische Revolution geantwortet, die ihre Menschenrechtserklärung schnell fledderte und im Namen der “Vernunft” schrecklichen Terror entfaltete. Und auch die DDR erkannte die Menschenrechte, freie Wahlen usw. im Namen des “sozialistischen Humanismus” an – theoretisch.

    Ich denke, letztlich verteidigen alle Menschen (ob atheistisch, agnostisch oder religiös) instinktiv ihre Selbstnarrative – werden also regelmäßig dazu tendieren, Unschönes der Eigengruppe zu relativieren und jenes der “Gegnergruppe” zu betonen. Diese emotionalen Reflexe werden wir auch sicher nicht los – wenn wir uns aber als Denkende verstehen, können wir sie ggf. wenigstens nachträglich auch hin und wieder reflektieren und “einpreisen”. Das ist zumindest der Anspruch, den ich an mich selbst zu stellen versuche.

    So arbeite ich gerade an einem kleinen Forschungsprojekt zum (evolutionären) “Nutzen des Unglaubens” und bin erstaunt, wie erfrischend, hilfreich und inhaltlich aufregend Perspektivwechsel sein können! :-)

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  6. Mir fällt dabei ja jetzt Christoph Türcke ein:

    «Die meisten Menschen hängen ihrer Religion nicht an, weil sie sie gut finden, sondern sie finden sie gut, weil sie ihr anhängen.»

    Der Perspektivenwechsel und das Hinterfragen tut jedem gut. Auf beiden Seiten natürlich.

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